veröffentlicht am 18.04.2004 von ARD-Ratgeber Technik

Betriebssystem Linux: Alternative zu Windows?

von Markus L. Blömeke / Max von Klitzing

Wie alles begann

Als dem finnischen Studenten Linus Torvalds 1991 das Geld für ein Computer-Betriebssystem fehlte, begann er, ein eigenes zu programmieren: die Geburtsstunde von Linux. Ins Internet stellte Torvalds eine Ankündigung seines Vorhabens mit der Bitte an Gleichgesinnte, an seinem Projekt mitzuwirken.

Torvalds Idee, eine kostenfreie Alternative zum Profi-Betriebssystem Unix zu schaffen, fand so großen Anklang, dass schon bald Programmierer aus der ganzen Welt Linux verbesserten und so allmählich zu einem vollwertigen System ausbauten. Dabei ging es ihnen nicht ums Geld, sondern ums Prinzip.

Das Besondere an Linux ist, dass Torvalds aus dem Code, der seinem System zugrunde lag, nie ein Geheimnis machte - ganz im Gegensatz zu kommerziellen Anbietern wie etwa Software-Gigant Microsoft, der Programmcodes hütet wie Coca-Cola das Rezept der braunen Brause.

Alles kostenlos für immer

Torvalds stellte sein Konstrukt unter eine spezielle Lizenz: die GPL (General Public License). Die GPL legt fest, dass Software, die unter ihr steht, eine Art öffentliches Gemeingut ist. Jeder darf sie verändern oder kostenlos in beliebig vielen Kopien benutzen unter einer Bedingung: Software, die aus ihr entwickelt wird, muss ebenfalls wieder frei sein. So soll gewährleistet werden, dass GPL-Software allen Menschen frei zur Verfügung steht und nicht nur denen, die sie sich leisten können.

Linux: mittlerweile benutzbar

Bald bekam das spröde Linux, dass sich anfangs mit einer MS-DOS-ähnlichen Textoberfläche präsentierte, erstmals ein Gesicht in Form des Maskottchens TuX, einem Pinguin mit großen Kulleraugen.

Das konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zumindest die Installation von Linux ein halbes Informatikstudium voraussetzte. Der Umgang mit Linux war für einen Windows-User ungefähr so attraktiv wie der Wechsel zum Trabant für einen Mercedes-Fahrer; auch, wenn die Linux-Gemeinde dieses Problem gern herunterspielte.

Mittlerweile jedoch hat die "ehrenamtliche" Arbeit tausender Programmierer auf der ganzen Welt Linux zu einem übersichtlichen und benutzerfreundlichen System ausgebaut, das mit KDE (K Desktop Environment) auch eine durchdachte graphische Oberfläche anbietet, die der von Windows ähnelt.

Linux ist nicht gleich Linux

Einen gewaltigen Unterschied zu Windows gibt es aber dennoch: Es gibt nicht ein Linux, so wie es das Windows XP gibt. Stattdessen existieren sehr viele völlig unterschiedliche Varianten von Linux, so genannte Distributionen, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten: Zum Beispiel Gentoo (www.gentoo.org) für IT-Profis und Bastler und Mandrake für Otto Normalbenutzer. Während das eine System eine intime Kenntnis der im Computer verbauten Hardware voraussetzt, erkennt Mandrake alle Hardware automatisch und macht die Installation leicht.

Die wohl bekannteste deutsche Distribution heißt S.u.S.E. Linux. "Suse" ist benutzerfreundlich und stabil, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Sie lässt sich nicht ohne weiteres aus dem Internet herunterladen. Um den Auflagen der Lizenz (s.o.) zu genügen, bietet S.u.S.E. immerhin eine Installation über das Netz an. Die aber ist so kompliziert, dass selbst fortgeschrittene Benutzer daran scheitern können mit Absicht, sagen Kritiker.

Andere unter Linux-Anwendern beliebte Distributionen sind das bereits erwähnte Mandrake (www.mandrakesoft.com) und Fedora (http://fedora.redhat.com), dass früher unter dem Namen "RedHat Linux" herausgegeben wurde.

Linux aus dem Internet

Diese Distributionen lassen sich als so genannte ISO-Images in Form von Dateien aus dem Internet herunterladen und einfach auf herkömmliche CD-Rohlinge brennen. Von denen kann dann die Installation gestartet werden.

Alle Distributionen lassen sich kostenlos im Internet herunterladen. Die entsprechenden Links sind leicht unter (www.linuxiso.org) zu finden. Allerdings ist für den Download eine schnelle Internetverbindung sinnvoll, da die Datenmenge, die herunterzuladen ist, meist mindestens drei CDs füllt. Mit Modem wird das zu einer zeitaufwendigen Quälerei.

Linux kaufen

Etwas bequemer gibt es Linux-Distributionen im Software-Fachhandel oder im Elektromarkt. Natürlich nicht kostenlos: 50 bis 100 Euro kosten die meisten immer noch ein Klacks im Vergleich zum Preis eines Microsoft-Windows-Pakets plus Software, der in die Tausende gehen kann.

Da die Distributoren für Linux kein Geld nehmen dürfen, lassen Sie sich vom Kaufpreis andere Dinge bezahlen zum Beispiel einen telefonischen Beratungsservice in der Anfangsphase und ein Handbuch in deutscher Sprache.

Software haufenweise kostenlos

Die meisten Distributionen enthalten neben dem Linux-Kern die graphische Benutzeroberfläche KDE sowie Dutzende von Anwenderprogrammen, von der Textverarbeitung über Bildbearbeitung bis zur Videoschnittsoftware. Das Besondere an diesen Programmen: Auch sie unterliegen üblicherweise der GPL oder einer vergleichbaren Lizenz und sind damit kostenlos.

Ein Nachteil soll allerdings nicht verschwiegen werden. Bei Linux ist es kein Problem, beliebige Software zum Download für die verschiedensten Einsatzzwecke zu finden, nur weiß der Windows-Umsteiger in den seltensten Fällen, wie sie heißt. Und bis er durchschaut hat, dass er anstelle des "Windows-Explorers" ein Programm namens "Konquerer" starten muss, kann es dauern.

Hilfreich ist da die Website (www.linux-tv.de ). Hier gibt es eine Liste, die dem Linux-Neuling sagt, welches Linux-Programm welchem Windows-Programm entspricht.

Vorsicht beim Installieren! Die Installation von Linux war lange Jahre ein wahrer Horror und ist es bei Insider-Distributionen wie Debian (www.debian.org) noch heute.

Anwenderorientierte Varianten wie Mandrake, an dem wir uns im folgenden orientieren, machen hingegen die Installation leicht; jeder, der schon einmal Windows installiert hat, sollte sie bewältigen können. CD einlegen, ein paar Fragen beantworten, die das Installationsprogramm stellt, neu starten, und in den meisten Fällen läuft das System ab dann rund. Die Chance ist umso höher, je weniger ungewöhnlich die verwendete Hardware ist.

Ein heikler Schritt allerdings ist dabei: Die so genannte Partitionierung der Festplatte. Hier wird festgelegt, welcher Teil der Festplatte nach der Installation für Linux reserviert sein soll. Das bei Mandrake mitgelieferte Partitionierungstool arbeitet meist fehlerfrei und bietet eine Hilfe-Funktion, aber manchmal vertut es sich und reißt das Windows-System in den Abgrund. Deshalb: Vor dem Installieren Windows-Daten sichern und beim Mandrake-Partitionierungstool die Option "Freien Platz verwenden" anhaken.

Der Klick auf "Neustart" setzt dann die eigentliche Installation in Gang. Der Rechner schreibt die Linux-Dateien auf die Festplatte. Das kann je nach Prozessorgeschwindigkeit zwischen einer Minute und mehreren Stunden dauern.

Wenn alles gut gegangen ist, meldet sich der Computer nach dem Neustart mit der Frage, ob er Windows oder Linux starten soll. Einfach "Linux auswählen", mit "Return" bestätigen, und schon startet KDE, die graphische Benutzeroberfläche. Sie wird ähnlich bedient wie Windows.

Zum Reinschnuppern: Knoppix

Wer sich das alles nicht traut, aber trotzdem gern einmal Linux ausprobieren möchte, für den gibt es noch eine einfachere Lösung: Knoppix (www.knoppix.de). Knoppix ist ein komplettes Linux, das ohne Installation auf der Festplatte direkt von einer CD aus lauffähig ist. Der Nachteil: Ohne Basteleien ist man auf die mitgelieferte Software beschränkt, und naturgemäß läuft Knoppix vom langsamen CD-ROM-Laufwerk aus träger als ein auf Festplatte installiertes Linux.

Mögliche Probleme und Hilfe

Da die Linux-Gemeinde stets einige Zeit braucht, um Programme und Gerätetreiber an die neueste Hardware anzupassen, kann es passieren, dass ganz neue Hardware noch nicht oder nur eingeschränkt läuft.

Dafür aber ist die Linux-Gemeinde überwiegend sehr hilfsbereit. Im Internet gibt es viele Foren zu Linux, in denen Profis Neulingen Fragen beantworten und bei Problemen helfen, zum Beispiel (www.computerhilfen.de).

Auch so genannte Linux User Groups, kurz LUGs, engagieren sich für Neulinge. Die LUGs veranstalten in unregelmäßigen Abständen "Installationspartys", bei denen man unter kostenloser Anleitung Linux auf seinem mitgebrachten Rechner installieren kann. LUGs gibt es in den meisten Großstädten und zuweilen selbst auf dem Land. Eine Suche unter Google nach "Linux User Group" und der Stadt oder dem Kreis Ihrer Wahl landet meist einen Treffer.

Auch im Zeitschriftenhandel gibt es Fachmagazine, die sich mit Linux beschäftigen und häufig sogar CDs mit neuer Software mitliefern. Genannt seien an dieser Stelle easylinux Linux (http://www.easylinux.de), PC-Linux (www.pc-magazin.de), linuxUSER (www.linuxuser.de) und das Linux-Magazin (www.linux-magazin.de).

Auf einen Blick: Was hat der Nutzer davon?

  • Linux ist weniger anfällig für Viren und Attacken aus dem Internet als Windows. Darum wird es vermehrt auch an professionellen Arbeitsplätzen, zum Bespiel in öffentlichen Verwaltungen, eingesetzt. Auf Webservern und in sehr großen Firmennetzwerken ist es schon lange zu Hause.
  • Linux ist kostenlos. Die meisten Distributionen gibt es im Internet zum Download.
  • Software für Linux ist meist ebenfalls kostenlos und reichlich vorhanden. Illegales Schwarzbrennen von Software-CDs vom Kollegen haben Linuxer nicht nötig.
  • Linux-Software und -Betriebssystem sind üblicherweise frei von Spionagesoftware.

Auf einen Blick: die Nachteile von Linux
  • Die vertrauten Windows-Programme sind unter Linux nur mit einigen Klimmzügen zum Laufen zu bringen, häufig aber auch gar nicht.
  • Linux muss installiert werden, während Windows in der Regel schon installiert ist. Ein gutfunktionierendes Windows-System sollte man deshalb nicht ohne Not durch Linux ersetzen.
  • Für brandneue Hardware gibt es häufig noch keine Linux-Unterstützung.
  • Die Installation von Linux auf Notebooks ist manchmal schwierig. Nicht immer gelingt es, alle Funktionen zum Laufen zu bringen. Wenigstens liefern einige Anbieter Notebooks mit vorinstalliertem Linux, zum Beispiel der Studenten-Hardware-Anbieter pro-com (www.nofost.de). Sofern der Händler verspricht, dass die Funktionen des Notebooks (z.B. WLAN, Bluetooth) unter Linux uneingeschränkt nutzbar sind, kann er immerhin in die Pflicht genommen werden, wenn das System nicht tut, was es soll.
Ohne Schweiß kein Linux

Wer sich für Linux entscheidet, sollte sich trotz aller Fortschritte darauf einstellen, gerade in der Anfangsphase gelegentlich nachlesen oder andere befragen zu müssen, um mit dem System weiterzukommen. Ein Betriebssystem, das keine Einarbeitungszeit verbraucht, gibt es nicht. Auch Linux muss diesen Wunschtraum vieler Menschen, die täglich am PC arbeiten, enttäuschen.

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