veröffentlicht am 25.11.2004 von All-Things-Open Projektgruppe
1000 Tage Tux in Treuchtlingen  Ein Erfolg
von Manuel Schneider
Während andere Städte gerade dabei sind ihre Computersysteme auf Linux umzustellen
feierte die Stadt Treuchtlingen am Mittwoch, dem 24. November 2004, bereits den 1000
tägigen Einsatz freier Software.
Die Firma SUN Microsystems und deren Partner R-zwo-R, welche die Stadt Treuchtlingen
betreut, luden zu einer Informationsveranstaltung in die Stadthalle nach Treuchtlingen ein
(wir berichteten bereits). Dort trafen sich interessierte IT-Fachleute aus unterschiedlichen
Branchen, interessanterweise hatte die Veranstaltung nicht nur Publikum aus dem
öffentlichen Sektor angesprochen.
Den Auftakt gab Wolfgang Herrmann, erster Bürgermeister der Stadt Treuchtlingen. In
seiner Begrüssung sprach er von seiner eigenen, anfänglichen Skepsis bezüglich der
Umstellung auf Linux, stellte aber schnell klar, dass ihn mittlerweile nicht nur die
Einsparungen von über 40% der gesamten Betriebskosten der EDV überzeugt haben. Er
sprach vor allem von Erleichterungen im Umgang mit den IT-Systemen und
Effizienzsteigerungen der eigenen Verwaltung.
Andreas Gebhardt, Sprecher der Initiative BUNDESTUX, sprach über die Bemühungen
welche BUNDESTUX und die Bundesregierung unternommen haben um eine Open Source
Strategie des Bundes zu beschliessen. Er nannte ferner Institutionen des Bundes wie das
Open Source Kompetenzzentrum der KBSt welche daraufhin gegründet wurden. Diese
Einrichtungen sollen in Zukunft den Wissensaustausch zwischen Behörden ermöglichen
und für Fragen rund um offene Software zur Verfügung stehen. Hier wurde unter anderem
auch der Migrationsleitfaden des Bundesinnenministeriums entwickelt.
Die Nutzungspotentiale neuer Technologien für eine effiziente Verwaltung sprach Martin
Häring, Director Marketing der Firma SUN an. Er stellte dabei die Technologien vor welche
SUN entwickelt hat. So zum Beispiel das Thin-Client Netzwerk mit einem SUN Server und
SUN Rays als Clients wie es die Stadt Treuchtlingen einsetzt. Er sprach davon, dass SUN
mittlerweile an sehr vielen Open Source Projekten beteiligt ist. "Solaris ist unsere
Implementierung von Linux" war Härings Kommentar zur jüngsten Freigabe von Solaris 10 als freie Software. Die Erstellung freier Software sei schon immer ein wichtiger Punkt in der
Geschichte von SUN gewesen, so war SUN ,,massgeblich an der Entstehung des Internets
beteiligt". Alles in allem stellte er SUN als Innovative Firma vor welche schon seit langer
Zeit mit freier Software arbeitet. Als aussergewöhnliches Beispiel erwähnte er die SPARC-
Technologie welche unter anderem von SUN entwickelt und freigegeben wurde.
Über die Umstellung der Stadt Treuchtlingen sprach Heinz-Markus Gräsing, IT-Leiter der
Stadt Treuchtlingen. Er stellte die Ausgangssituation der Stadt mit 16- und 32-Bit Software
dar, Multiboot-Systeme aufgrund unterschiedlicher DLL-Abhängigkeiten und Ausfälle der
damals betagten Hardware waren die hauptsächlichen Probleme die es zu beseitigen galt.
Daher wurden verschiedene Test-Systeme aufgebaut, schnell war man auf die Idee einer
Thin-Client-Lösung gekommen. Zur Nutzung der vorhandenen Hardware als Clients unter
Linux für einen X-Terminalserver oder Windows Terminalserver war diese bereits zu alt.
Gräsing beschrieb den Ablauf der Umstellung. Nach der Einrichtung des SUN Servers und
der Umstellung der übrigen Server auf Linux war man arbeitsgruppenweise vorgegangen.
Die Mitarbeiter erhielten dabei eine umfassende Schulung im Umgang mit Office-
Programmen und der Dateiablage im Allgemeinen. Gräsing sprach von den Defiziten die es
abzubauen galt, um die Mitarbeiter allgemein fit für die IT zu machen, die Umstellung war
bei den Schulungen nur nebensächlich. Weitere Vorteile der Umstellung waren die
mögliche Ablage von Daten nach dem bayrischen Einheits-Aktenplan, diese wäre mit einem
Windows-Betriebssystem ob der Beschränkung der Pfadlänge auf 256 Zeichen nicht
umzusetzen gewesen. Gleichzeitig haben die Mitarbeiter auch die Möglichkeit ihre Daten
nach Organisationseinheiten abzulegen  dank der Verknüpfung durch Symlinks bietet
UNIX hier die Funktionalität von mehreren Orten auf ein und die selbe Datei zugreifen und
arbeiten zu können. Auch die Mitarbeiter waren am Ende überzeugt, das zeigten die
Auswertungen der detaillierten Umfrage unter den Anwendern. Dort war zu sehen, dass die
Angst vor Fehlbedienung des Systems erheblich gesunken war, gleichzeitig die Stabilität
fast durchgängig als "viel besser" bezeichnet wurde. Tatsächlich, so freute sich Gräsing,
war der letzte Neustart des SUN Servers vor 123 Tagen nur wegen eines Software-Updates
notwendig gewesen.
Warum soll freie Software eingesetzt werden? Welche Wege kann ich bei der Umstellung
gehen? Wo bekomme ich weitere Informationen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich
Manuel Schneider, Informatiker und Mitarbeiter der Internet-Plattform Open-
Government.org. Er begründete die Entscheidung für freie Software weniger mit der
Kostenersparnis als mit Flexibilität, Sicherheit und der freien Wahl von Soft- und Hardware.
Proprietäre Software setzt bestimmte Hardware voraus, Linux dagegen läuft auch allen
üblichen Plattformen. Da eine IT-Infrastruktur eine durchschnittliche Lebensdauer von fünf
Jahren hat stehen die Verantwortlichen regelmässig vor der Entscheidung neue
Technologien einzuführen  dies ist der passende Moment open Source Software für den
Einsatzzweck zu prüfen. Schneider extrahierte drei mögliche Stufen wie freie Software
eingeführt werden kann. Dabei wird unnötiger Schulungs- und Konfigurationsaufwand
vermieden, indem zuerst freie Software auf dem herkömmlichen Desktop eingesetzt wird.
Serverseitig können fast alle Umstellungen für den Benutzer transparent durchgeführt
werden, da UNIX-Systeme alle existierende Netzwerkdienste zur Verfügung stellen können.
Bei einer späteren Migration der Arbeitsplätze auf ein freies Betriebssystem kann dann die
Konfiguration der vorher genutzen freien Software einfach übernommen werden, eine
weitere Schulung ist dann nur noch für das Betriebssystem notwendig.
Informationsplattfpormen versuchen zur Zeit verschiedene Hersteller zu etablieren wie
Novell und HP mit Linux-Kommunale oder IBM mit OSEG. Aus den Erfahrungen der Stadt
Treuchtlingen ging die freie und unkommerzielle Plattform Open-Government.org hervor
auf der man nun versucht weitere Städte zum Informationsaustausch zu gewinnen.
Zusätzlich bietet der Linux-Verband seinen Mitgliedern den Arbeitskreis Public Sector an.
Ist Linux für den Endanwender geeignet? Eva Brucherseifer, Geschäftsführerin der Firma
basyskom, beschäftigt sich mit der Usability des Linux Desktops. Sie sprach hier im
Speziellen von der Desktop-Plattform KDE. Dieser Linux-Desktop, welcher auch in der Stadt
Treuchtlingen eingesetzt wird, wird ständig auf Usability und Konsistenz geprüft. Ergebnisse fliessen dann direkt in das Projekt ein. Auch weitere freie Software wie OpenOffice.org und GTK-basierende Software wird angepasst um diese besser in den Kdesktop zu integrieren. Wichtig, so Brucherseifer sei es, dass von der Benennung der
Funktionen und Menüs, über das Aussehen  Look  bis zu den Arbeitsabläufen  Feel  alles einheitlich gestaltet ist. Nur damit kann ein Anwender zufrieden gestellt und ihm ein Werkzeug zu effizienteren Arbeit gegeben werden.
Andreas Koch, Sales Manager der Firma SUN stellte den neuen Java Desktop vor, ein
Bundle aus Betriebssystem, Desktop, Office- und Internet-Applikationen. Als Betriebssystem kann der Kunde zwischen SuSE Linux oder Solaris wählen während die Desktop-Oberfläche als Gnome vorgegeben wird. Als Office-Applikation kommt das eigene Produkt StarOffice zum Einsatz. Mailen und browsen kann der Kunde mit Evolution und Firefox. SUN bietet zusätzlich zum Produkt ausserdem eine Indemnification Policy an Â
sofern der Kunde sowohl Hardware, als auch Software und Support von SUN bezieht deckt
die Firma SUN alle Ansprüche aus Klagen von SCO gegen Linux-Nutzer in Höhe von 2 Mio. Dollar ab.
Rechtliche Aspekte rund um das Surfen und E-Mailen am Arbeitsplatz und die daraus
entstehenden Fallstricke für Administratoren und Firmen zeigte Michael Sopart der Firma
SurfControl auf. SurfControl bietet ein Firewall-System an welches Contentfiltering, Spam-
und Virenschutz vereint. Seiner Aussage nach ist nach der aktuellen EU-Richtlinie jede
Firma dazu verpflichtet geeignete Massnahmen zur Absicherung der eigenen IT-Infrastruktur zu ergreifen. In der Formulierung "geeignete Massnahmen" stecken bereits viele Probleme  selbst Price-Waterhouse-Coopers, so Sopart, konnten nicht sagen wie diese auszusehen haben oder nach welchen Kriterien diese ausgewählt werden. Gleichzeitig stellen Datenschutz und der Schutz der privaten Intimsphäre Anforderungen,
die mit dieser EU-Richtlinie nicht vereinbar sind. Es ist also zwingend notwendig Richtlinien
zur Benutzung von Internet und E-Mail zu verfassen um hier schwerwiegenderen Problemen
seitens der Belegschaft aus dem Weg zu gehen und für Klarheit zu sorgen. SurfControl
bietet im Zusammenhang mit der Firma R-zwo-R an rechtliche Unklarheiten in diesem
Bereich kostenlos von einem Rechtsanwalt klären zu lassen.
Zuletzt präsentierte Dominic Schmidl der Firma Astaro die gleichnamige Firewall welche
auch in der Stadt Treuchtlingen zur Absicherung des Internetzugangs eingesetzt wird.
Diese Appliance verbindet Paket-Filter, Intrusion Detection, Spam- und Virenschutz in
einem Produkt und ist vollständig aus freier Software entwickelt worden. Dazu sponsert die
Firma Astaro nach eigener Aussage das netfilter-Projekt.
Die Vortragsmaterialien sowie weitere Informationen zur Stadt Treuchtlingen und dem
Open-Government-Projekt finden Sie unter:
http://www.open-government.org/
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